Wir müssen reden: Qualitative Sozialforschung im Kontext Extremismusprävention

Ein Beitrag von Maximilian Ruf

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Beginnen wir mit einer Plattitüde: Distanzierungs- und Deradikalisierungsforschung sind hochsensible Arbeitsfelder. Der Grund dafür liegt nicht nur in den teils heftig ausgetragenen Begriffsdebatten, mindestens genauso gravierend gestaltet sich die oft mangelhafte empirische Fundierung vorliegender Erkenntnisse rund um diesen Komplex. Zu einem gewissen Grad mag diese Situation auf eine Vorstellung zurückzuführen sein, von der bis vor einiger Zeit noch häufiger zu lesen war, nämlich die Idee, Deradikalisierung bedeute eine Umkehrung vorheriger Radikalisierungsprozesse. Daraus resultierte offenbar die Annahme, man verfüge im Rahmen der Radikalisierungsforschung auch automatisch über ausreichendes Wissen zu Prozessen der Deradikalisierung. Anders ist die bisherige stiefmütterliche Behandlung des Themenkomplexes kaum zu erklären. Allein, die bloße Existenz solcher Vorstellungen spricht Bände über das praktische Verständnis derer, die sich dem Thema Deradikalisierung bislang rein theoretisch widmeten. Und es steht symptomatisch für die Qualität des bisherigen Wissenschaft-Praxis-Austauschs.

 

Verhängnisvolle Asymmetrien im Wissenschaft-Praxis-Dialog

Allzu oft fanden direkte Kontakte zwischen Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen bisher nur im Rahmen von Evaluationen statt. Im Kontext Evaluationsforschung – von allen Schwierigkeiten der Wirkungsevaluation in pädagogischen und sozialarbeiterischen Tätigkeitsfeldern abgesehen – ist jedoch stets mit einem subjektiv empfundenen Machtgefälle zu rechnen: Wissenschaftler*innen werden von Praktiker*innen als externe Akteure wahrgenommen, die ohne Kenntnisse der praktischen Arbeit(sbedingungen) den Daumen über ihrer Arbeit heben – oder eben senken. Wissenschaftler*innen werden so als Personen wahrgenommen, die kurzfristig in das Arbeitsfeld eindringen und quasi unberechenbar die Arbeit bewerten. Im Kontext befristeter Projektfinanzierungen (und damit auch befristeter Arbeitsverträge) kann eine solche Wahrnehmung konkrete Ängste um die eigene berufliche Zukunft und das Schicksal der Klient*innen noch verstärken. Daraus resultierend sehen sich Wissenschaftler*innen oft mit Praktiker*innen konfrontiert, die ihnen vermeintlich ablehnend begegnen bzw. nur wenig Interesse an einem Austausch zeigen. Zwar scheint sich im Kontext Evaluation peu à peu die Einsicht durchzusetzen, dass solche Vorhaben auch konstruktiv einsetzbar sind und das wechselseitige Verständnis innerhalb des „Erwartungsdreiecks“ wächst vorsichtig. Dennoch stellt die inzwischen entstandene Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis Forscher*innen, die an neuen Erkenntnissen zum Themenfeld arbeiten, vor erhebliche Probleme: Ohne langfristigen und konstruktiven Zugang zur Praxis, zu Interviewpartner*innen unter Berater*innen, Klient*innen und Angehörigen, wird auch zukünftig keine breitere empirische Basis zu schaffen sein. Dem kann auch die Teilnahme an Interviews im Rahmen verpflichtender Evaluationsvorhaben nicht entgegenwirken, ganz im Gegenteil: Ein Zwangsansatz wird die Kluft eher noch verbreitern. Mindestens mittelfristig wird die Praxis ebenfalls unter diesem Stillstand zu leiden haben: Denn wie sollen neue, innovative Methoden und Instrumente entwickelt oder die vielerorts geforderten Langzeitstudien durchgeführt werden, wenn nicht in einem wertschätzenden Dialog der beiden dafür notwendigen Akteursfelder? Und wie ließe sich ein solcher Dialog unter Berücksichtigung der geschilderten Voraussetzungen gestalten?

 

Beziehungen und Zugangswege

Auch wenn es bereits die ein oder andere Einführung zu den Besonderheiten der qualitativen Datenerhebung im Feld der Terrorismus- und Extremismusforschung gibt, so gestaltet sich diese im nichtkriminellen Bereich und besonders im Kontext der Jugendarbeit noch einmal deutlich voraussetzungsvoller. Hier kommen stark divergierende Teilnahmemotivationen einer-, und strengere ethische Erwägungen zur Arbeit mit Jugendlichen in laufenden pädagogischen Prozessen andererseits zum Tragen. Da eine Ausweitung der empirischen Basis zu diesem Arbeitsfeld für die Weiterführung und -entwicklung dieser wichtigen Arbeit allerdings unerlässlich ist, und es in diesem Sinne wünschenswert sein sollte, nicht nur die Projektverantwortlichen der jeweiligen Träger, oder deren eigene wissenschaftliche Mitarbeiter*innen zu befragen, sondern vor allem die Menschen, die tagtäglich praktische Präventionsarbeit leisten, ist ein Umdenken auch von Seiten der Forschung notwendig. Im Folgenden werden einige Grundvoraussetzungen zum Aufbau guter, weil produktiver Beziehungen mit praktischen Akteuren der Extremismusprävention und mögliche Zugangswege erörtert. Für Forscher*innen, die an ernsthaften neuen Erkenntnissen interessiert sind, gelten zunächst drei Grundbedingungen: Vertrauen aufbauen, Verständnis fördern und Flexibilität einplanen.

 

Vertrauen aufbauen

Wie bereits beschrieben, gestaltet sich das Verhältnis zwischen Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen derzeit häufig schwierig. Zu oft beherrschen Misstrauen und Skepsis die gegenseitige Wahrnehmung. Um im vorherrschenden Klima zeigen zu können, dass „die Wissenschaft“ nicht auf „die Praxis“ herabblickt und das Ziel sozialwissenschaftlicher Forschung nicht vorrangig die Beurteilung existierender Praktiken ist, sondern vor allem der Erkenntnisgewinn, sind Vertrauensbildungsprozesse notwendig, die Forscher*innen unter Umständen aus ihrer Komfortzone zwingen. Dementsprechend müssen sich Forscher*innen, die ein langfristiges Vertrauensverhältnis zu Praktiker*innen herstellen möchten, darauf einstellen, dass sie es nicht dabei belassen können, einmalige Interviewanfragen zu versenden (gefolgt von einer Kette an friendly reminders), sondern in den nachhaltigen, direkten Beziehungsaufbau eintreten müssen. Konkret bedeutet das für Forscher*innen, die in diesem Tätigkeitsfeld aktiv sein möchten: „Die Praxis“, sprich, die Menschen, die diese Praxis ausmachen, persönlich kennenzulernen. Das kann und sollte sinnvollerweise auch unabhängig von aktuellen Forschungsfragen oder –projekten geschehen. Es gibt wirklich keinen Grund, weshalb sich Wissenschaft und Praxis im Themenfeld nur dann zusammensetzen und unterhalten sollten, wenn das eine Feld gerade die akute Zuarbeit des jeweils anderen benötigt. Bisher treffen sich hauptsächlich Praxis und Politik sowie Politik und Wissenschaft in unterschiedlichen Formaten. Die Idee, den Austausch zu komplettieren liegt nicht allzu fern. Also: Noch mehr Praktiker*innen zu wissenschaftlichen Roundtables und Konferenzen einladen – und Wissenschaftler*innen zu praxisorientierten Workshops und Fachtagen der Träger. Und zwar jeweils als Teilnehmende auf Augenhöhe. Kennt man sich erst einmal persönlich, fällt der Zweitkontakt umso leichter.

 

Verständnis fördern & Flexibilität einplanen

Wenn es dann um eine konkrete Zusammenarbeit im Rahmen eines Forschungsvorhabens geht, lohnt es sich, Praktiker*innen von vornherein in die Antragsplanung mit einzubinden. Mit Einbindung ist allerdings nicht gemeint: Eine Woche vor Einreichungsfrist eine Anfrage für einen Letter of Interest, weil die Ausschreibung die Einbeziehung eines Praxispartners erfordert.

 

Was stattdessen getan werden kann ist, das Forschungsdesign (und den Zeitplan!) an die tatsächlichen Umstände des Praxisalltags anzupassen. Das verhindert Frustration durch sich verzögernde Abläufe und verringert das Risiko, sich gegenüber Mittelgebern dafür rechtfertigen zu müssen. Denn weder der Praxisalltag, noch die Beziehungen zu Klient*innen sind statisch und planbar. Das verstehen und akzeptieren zu können, ist der Schlüssel zur guten Zusammenarbeit. Und nicht zuletzt: Die frühzeitige Einbindung ist auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Praktiker*innen, fördert Vertrauen und erhöht das, was man als Ownership bezeichnet. All das erhöht die Motivation, langfristig an Interviews oder ähnlichen Vorhaben teilzunehmen und auch bewusst Zeit dafür zu reservieren. Die rechtzeitige Einbindung von Praktiker*innen wird dort noch bedeutsamer, wo auch Interviews mit (ehemaligen) Klient*innen geführt werden sollen. Auch hier ist es unabdingbar, erfahrene Praktiker*innen in die allgemeine Konzeptentwicklung einzubeziehen und weiterhin, im Zuge der Durchführung der Erhebungen, in engem Kontakt mit den jeweils am Fall direkt arbeitenden Berater*innen zu bleiben. Beratungsprozesse in der Deradikalisierungsarbeit beruhen auf sensiblen und oftmals hochfragilen Vertrauensverhältnissen. Eine einzige unbedacht bzw. zu forsch gestellte Interviewanfrage kann nicht nur die Teilnahme der jeweiligen Person, sondern sogar den Beratungsprozess als Ganzes gefährden. Entsprechend vorsichtig muss gearbeitet und bereits im Voraus abgewogen werden, welche Fälle stabil und fortgeschritten genug sind, um gefahrlos durch Interviews irritieren zu können. Das erfordert ganz praktisch Zeit und unter Umständen ein hohes Reisekostenbudget: Denn es kann sich lohnen, anstelle nur eines Tages beispielsweise drei Tage in eine Stadt zu fahren, um sich dort am ersten Tag mit den Berater*innen, am zweiten mit Berater*in und Klient*in (z.B. gemeinsam auf einen Kaffee) und am dritten Tag nur mit der*dem Klient*in zu treffen, um das Interview durchzuführen. Klient*innen stehen externen Akteur*innen meist noch viel misstrauischer gegenüber als Praktiker*innen. Von vornherein genug Flexibilität einzuplanen ist also unerlässlich und sollte sich auch in den Förderbedingungen von praxisorientierten Forschungsprojekten abbilden.

 

All das mag für Außenstehende banal und einigermaßen intuitiv klingen, ist im Kontext aktueller Forschung zur Extremismusprävention in Deutschland allerdings durchaus erwähnenswert. Wenn es uns gelingt, diese Grundsätze in unserer Arbeit und zukünftigen Vorhaben zu berücksichtigen, haben gibt es eine echte Chance, die Forschung zu Distanzierung und Deradikalisierung bedeutend voranzubringen. In Kombination mit den bereits in den letzten ein bis zwei Jahren begonnenen neuen, wichtigen Forschungsprojekten zum Themenkomplex  wäre das ein großer Schritt. Dass sich auch Praktiker*innen an diesem Umdenkprozess beteiligen müssen, steht außer Frage. Deshalb an dieser Stelle auch der Appell an die Kolleg*innen in den Beratungsstellen: Seid offen für Neues und verzeiht Forscher*innen den ein oder anderen anfänglichen Fauxpas. Wir alle müssen voneinander lernen!

 

 

Für mehr Informationen zum Forschungsprojekt DISLEX 3D, auf dessen Erfahrungen dieser Kommentar zum großen Teil basiert, klicken Sie bitte hier.

Über den Autor

Maximilian Ruf ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei modus|zad. Sein derzeitiger Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Erforschung von Prozessen individueller Distanzierung und Deradikalisierung. Maximilian studierte in Berlin, Maskat und London. Er ist Islamwissenschaftler (B.A.) und Sozialwissenschaftler mit Fokus auf Terrorismus- und Sicherheitsstudien (M.A. Terrorism, Security & Society).

Neben seiner Tätigkeit für modus|zad ist Maximilian auch bei Violence Prevention Network beschäftigt. Dort ist er u.a. für Qualitätsmanagement, Wissensproduktion und -transfer des Radicalisation Awareness Network (RAN) der EU zuständig. Bevor er im Herbst 2017 nach Berlin zurückkehrte, war er für die GIZ in Brüssel tätig. Er twittert unter @RufMaks.