„Blinde Flecken“ in der Distanzierungsbeobachtung? Erste Zwischenergebnisse des Projekts DISLEX 3D

 

Zusammenfassung

 

Dieser Insight Report des Forschungsprojekts DISLEX 3D widmet sich den ersten im Rahmen der Interviewerhebungen identifizierten Distanzierungsbeobachtungen und diskutiert diese anhand von zwei Fällen exemplarisch. Der Fokus dieses Reports liegt auf den sogenannten blinden Flecken in Bezug auf die Distanzierungsbeobachtungen, die aus den unterschiedlichen Erzählungen und Wahrnehmungen der einzelnen Beobachtungsperspektiven hervorgehen. Bislang zeichnen sich sechs Kategorien ab, die für die Beobachtung von Distanzierungsprozessen aus dem islamistischen Extremismus von Bedeutung sein können. Der vorliegende Report hat zum Ziel, interessierten Leser*innen einen ersten Einblick in den bisherigen Stand des Forschungsprojektes zu ermöglichen und eine Grundlage zur Diskussion erster Interpretationsmöglichkeiten zu bilden.

 

Projekt DISLEX 3D

 

Das Projekt DISLEX 3D untersucht die folgenden drei Kernfragen: Anhand welcher spezifischen Parameter, Bewertungskriterien und impliziten Theorien beobachten

  1. Praktiker*innen der Distanzierungsarbeit Prozesse individueller (kognitiver bzw. habitueller) Distanzierung von extremistischen Ideologien bzw. Umfeldern?
  2. sich distanzierende bzw. distanzierte (ehemals) radikalisierte Personen retrospektiv den Prozess (des Beginns) ihrer individuellen Distanzierung?
  1. das systemische Umfeld der Person den Prozess der individuellen Distanzierung?

 

Blinde Flecken

 

Blinde Flecken beschreiben Faktoren, die zur Beobachtung von Distanzierungsprozessen dienen können, die allerdings nicht von allen Akteur*innen der verschiedenen Beobachtungsdimensionen wahrgenommen und beschrieben werden. Es lassen sich drei Ausprägungen sog. blinder Flecken erkennen:

  • Unbeobachtete Dimensionen und Aspekte: Einzelne Beobachtungsfaktoren werden nicht von allen Personen genannt.
  • Verschiedene Interpretationen und Erzählungen: Die Beobachter*innen interpretieren Ereignisse unterschiedlich. Berater*innen ordnen ihre Beobachtungen in komplexere Zusammenhänge ein.
  • Unterschiedliche Gewichtung und Priorisierung spezifischer Inhalte: Die Beobachter*innen bewerten einzelne Aspekte unterschiedlich und schreiben ihnen demnach verschiedene Stellenwerte zu.

 

Ursächlich für die Existenz blinder Flecken können verschiedene Faktoren sein, die generell im Rahmen von Interviewerhebungen zu beachten sind:

  • Erinnerung und Kognition: Die Erinnerungen sind Personen nicht zugänglich.
  • Interviewkontext: Die Interviewfragen sind unverständlich oder werden missverstanden. Die Gedanken können nicht entsprechend artikuliert werden.
  • Motivation und Strategie: Informationen werden wegen Befürchtungen oder zum Schutze Dritter bewusst zurückgehalten.

 

Im Rahmen der Auswertung von zwei Fällen wurden im Projekt bislang sechs Überkategorien der Distanzierungsbeobachtungen identifiziert, innerhalb derer wiederum verschiedene blinde Flecken identifiziert werden konnten.

 

  • Kategorie 1 – Alltagsbewältigung: U.a. Erscheinungsbild, Konsum von Genussmitteln und Drogen, Strukturaufbau.
  • Kategorie 2 – Emotionalität und allgemeine Lebenszufriedenheit: Selbstbewusstsein, Selbstreflektion, Selbstwirksamkeitserfahrung, Affektkontrolle bzw. verbesserte gesellschaftliche Handlungsfähigkeit.
  • Kategorie 3 – Sozialintegration: (Wieder-)Aufbau eines stabilen sozialen Umfeldes, Familie, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen
  • Kategorie 4 – Inklusion in das Erziehungs- und Bildungssystem: U.a. Schule, Ausbildung, Arbeit, Weiterbildung, konkrete Zukunftspläne und Ziele.
  • Kategorie 5 – Religionsverständnis: Differenzierter Umgang mit Religion.
  • Kategorie 6 – Online-Lebenswelt: U.a. Medienkompetenz, Informationsblasen, Verschränkung der On- und Offline Erfahrungen.

 

Zum gesamten Report gelangen Sie hier.