Blog 11 MME Entwurf Sprache und Radikalisierung

Zur Vollbildversion

In den vorherigen Blogbeiträgen konnte gezeigt werden, dass islamistische Kanäle innerhalb der deutschen YouTube-Landschaft eine eigene Blase hinsichtlich ihrer Abonnent*innen bilden. Auch wurde deutlich, dass YouTubes Empfehlungsalgorithmus innerhalb der Blase wieder und wieder andere Videos aus der Blase empfiehlt. So verschieden die islamistischen Kanäle in ihrer visuellen Aufmachung und ihrer ideologischen Verankerung sein mögen, sie bilden gemeinsam eine geschlossene Gruppe auf YouTube. In dieser Gemeinschaft erreichen sie eine Reichweite auf YouTube, die die vielen Einzelkanäle mit letztlich doch überschaubaren Klickzahlen nie erreichen würden.

 

Die Reichweitenwirkung der islamistischen Kanäle ist sogar so groß, dass sie von Youtube unmittelbar mit dem eigentlich sehr großen und vielschichtigen Suchbegriff „islam“ assoziiert werden. Als ähnlichste Suchanfrage zum Begriff „islam“ sieht YouTube den Namen des islamistischen Kanals Botschaft des Islam auf Platz Nummer 1 – noch vor Suchbegriffen wie „doku islam“ (Platz 8) oder „allah“ (Platz 9).  Wer also nach „islam“ in Deutschland sucht, landet schnell bei vorgeschlagenen Videos des islamistischen Kanals. Generation Islam und Pierre Vogel, weitere islamistische YouTuber, finden sich ebenfalls weit vorne und zwar auf den Plätzen 14 und 19. In der Liste der 25 „Ähnlichen Suchanfragen“ findet sich keine vorgeschlagenen Kanäle, die nicht im islamistischen Kontext zu sehen sind.

Wie schaffen es die besagten Kanäle, einen so viel gesuchten Begriff wie „islam“ so erfolgreich zu besetzen? Dazu lohnt es sich einen sprachanalytischen Blick auf die Inhalte der Kanäle zu werfen, um zu verstehen, warum YouTube eine so enge Verbindung zwischen so ergebnisoffenen Suchwörtern wie „islam“ und der zuvor ausgemachten extremistischen Blase sieht. Es zeigt sich nämlich, dass, wertet man die Schlüsselbegriffe aller der Islamismus-Blase zugehörigen Videos aus und setzt sie in Beziehung zueinander, die Kanäle sich thematisch sehr eng um einzelne prominente Schlüsselbegriffe wie „islam“, „prophet“, „allah“, „koran“, „muslime“ und „religion“ positionieren. Durch diese thematische Enge und Fokussierung auf die entsprechenden Begriffe lassen sie YouTubes Suchalgorithmen kaum Zweifel daran, dass ihre Videos von Relevanz sind. Begriffsdichten sind für Algorithmen leichter zu erkennen als womöglich problematische Radikalität.

 

Diese Begriffsdichte lässt sich verdeutlichen, indem man ähnlich wie bei der Kanal-Netzwerkkarte in Blog 9 zuvor statt Kanäle, anhand ihrer Abonnenten in Beziehung zueinander zu setzen, Schlüsselbegriffe anhand ihrer Häufigkeit in gleichen Kontexten analysiert. Dazu wurden in einer Datenanalyse zu über 35.000 Videos aus dem islamistischen Cluster die von YouTube in aller Regel automatisch erstellten Transkripte heruntergeladen und in eine Datenbank eingepflegt. Transkripte können vom Kanalbetreiber selbst hochgeladen werden, was bei den untersuchten Videos sehr selten der Fall war, damit diese als Untertitel angezeigt werden können. Alternativ erstellt YouTube automatisch Transkripte beziehungsweise Untertitel mithilfe von Spracherkennung, die sich für die angedachte Analyse nutzen lassen, solange der Kanalbetreiber diese Funktion nicht extra deaktiviert hat. Über die abgerufenen Texte lief ein Sprachtool, das nicht deutschsprachige Videos aussortierte, sodass ein Textkorpus an 29.497 Transkripten islamistischer Videos aus Deutschland entstand mit aufsummiert 60.189.809 Wörtern.

Beispiel fĂĽr automatisch von YouTube erstellte Untertitel zu einem Video von Machts Klick?

Der ganz oben am Blogeintragsanfang stehende Graph stellt die 1203 häufigsten Substantive dar. Zwischen Substantiven, die häufig im gleichen Kontext vorkommen, wurde eine Linie gezogen. Diese Linien (wissenschaftlich Kanten) ziehen Substantive aus dem gleichen Kontext näher zusammen. Da YouTubes Spracherkennung keine Interpunktionen in die Texte einfügt, fielen Sätze oder Absätze als Definitionsgrundlage als „gleicher Kontext zweier Substantive“ weg. Stattdessen wurde um jedes erkannte Substantiv eine Grenze von 100 Wörtern vor dem Substantiv und 100 Wörtern nach dem Substantiv gezogen und alle weiteren Substantive in diesem Textbereich als „im gleichen Kontext auftauchend“ gewertet. Zwischen den Substantiven, die am häufigsten im Kontext auftauchen, wurde eine Linie gezogen.

 

Hatte man sich erhofft, dass der resultierende Graph die Themenbreite von islamistischen Kanälen in verschiedenen Wort-Gruppen darstellt, so ist das Ergebnis der Wortanalyse enttäuschend. Zu sehen ist ein riesiger Wortklumpen mit Verbindungen kreuz und quer in alle Richtungen. Dass sich einzelne Cluster wie in der Netzwerkanalyse aus Blog 9 absondern, ist hier keineswegs der Fall. Lediglich ein Cluster mit Substantiven aus dem christlichen Kontext wie „Jesus“, „Nächstenliebe“, „Vaterunser“, „Matthäus“ und „Apostel“ hat sich markant herausbilden können. Auch das ist eine untersuchenswerte Erkenntnis, dass deutschsprachige islamistische Kanäle aus verschiedenen Motivationen heraus immer wieder den Vergleich, aber auch die Abgrenzung zum Christentum suchen, um die es an dieser Stelle nicht weiter gehen soll.

Begriffs-Cluster oben rechts im Graph mit Bezug zum Christentum

In seiner Gesamtheit zeugt der entstandene Wörter-Graph allerdings davon, wie monothematisch die islamistische YouTube-Blase im Kern aufgestellt ist. Geht es rein quantitativ um statistische Häufungen – und solche Häufungen haben unmittelbaren Einfluss auf Suchalgorithmen – sortieren sich die gefundenen Substantive in einem Kreis um einige wenige zentrale Substantive, namentlich „Islam“, „Prophet“, „Allah“, „Koran“, „Muslime“ und „Religion“, herum an. Die vielen Videos mögen zwar verschiedene Aufhänger haben, letztendlich drehen sie sich aber doch um eine ganz bestimmte islamistische Botschaft, wie der Graph verdeutlicht. Alle angesprochenen Themen werden immer gleich in Bezug zu der jeweiligen Vorstellung vom Islam gesetzt, sodass kaum die Möglichkeit für einzelne Themencluster entsteht, sich weit von den anderen Substantiven abzugrenzen.

Das Zentrum des Graphen bilden groĂźe SchlĂĽsselbegriffe

Vermutlich ließe sich die Qualität des Wörter-Graphen mit einem noch größeren Textkorpus weiter verbessern (das heißt, mit noch mehr Videos als Analysegrundlage). Auch die nicht fehlerfrei Spracherkennung von YouTube ist ein Problem für solche Verfahren, die arabische Bezeichnungen für islamische Begriffe ausnahmslos nicht erkennt. Allerdings stellt der Graph eine weitere Annäherung an das Problem heran, dass islamistische Kanäle zu vielen Suchbegriffen die YouTube-Suche bestimmen können. In unvergleichlicher Weise besetzen sie nämlich in ihren Videos zentrale Schlüsselbegriffe und entfernen sich nur oberflächlich von diesen. So gelingt es ihnen geschickt, als Gruppe weit oben in den Suchergebnissen präsent zu sein, da sie einfach mit diesen Begriffen in Verbindung zu bringen sind.

 

 

Suchinteresse und das richtige Timing

Neben der inhaltlichen Komponente spielt auch der Zeitpunkt der Videoveröffentlichung eine Rolle. Das Suchinteresse für bestimmte Begriffe ist nicht immer gleich hoch. „allah“ ist der deutlich größere Begriff im Vergleich zu „ramadan“ – nur einmal im Jahr, nämlich im Monat Ramadan, wächst das Suchinteresse zu „ramadan“ über das zu „allah“ hinaus. Ähnlich sieht es zur jährlichen Pilgerfahrt Haddsch aus, auch dann steigt das Suchinteresse.

Auffällig: Die islamistischen Kanäle wissen dieses Verhalten zu nutzen. Während im Wörter-Graphen, der zeitĂĽbergreifend errechnet wurde, „Ramadan“ relativ klein dargestellt ist, war die Häufigkeit in den Monaten des gregorianischen Kalenders, in die in den letzten Jahren der Ramadan fiel – Mai, Juni und Juli – deutlich erhöht, wie das untenstehende Diagramm zeigt. Auch in den Wochen vor der Haddsch, wurde vermehrt ĂĽber diese gesprochen. Das heiĂźt, islamistische Kanäle scheinen nicht nur konsequent und in einer enormen Dichte fĂĽr sie relevante SchlĂĽsselbegriffe zu besetzen, sie besetzen sie auch zu den Zeiten, an denen das Interesse an ihnen am größten ist.

Anzahl an Nennungen des Wortes „Ramadan“ in islamistischen Videos nach Monaten in den letzten Jahren

Aus der Praxis ist bekannt, dass sich insbesondere im Monat Ramadan vermehrt Muslime mit der eigenen Religion beschäftigen und eher geneigt sind, ein vermeintlich unscheinbares Video, das sich mit Verhaltensregeln im Islam beschäftigt, anzuklicken. Die Daten aus der für dieses Projekt erstellten Datenbank scheinen dies zu bestätigen: Zum Ramadan sind die Abonnentenzuwachszahlen am höchsten.

Playlist von Machts Klick? zum Ramadan

Für die Akquirierung neuer Zuschauer scheint der Ramadan ein entscheidender Monat zu sein. Mit speziellen Reihen wie „Ramadan 2019“ oder „Ramadan Videos“ gehen zum Beispiel die trendaffinen Kanäle Machts Klick? und Botschaft des Islam auf den Ramadan ein und erschließen sich neue Interessenten.

In Blog 9 und 10 wurden nicht-extremistische Kanäle, die sich um die türkische beziehungswiese arabische Küche drehen, als mögliche Brückenkanäle in Richtung Islamismus diskutiert, zumal immer wieder Empfehlungen von Rezept-Tutorials in das entsprechende Cluster hineinführen. Wenig überraschend ist das Suchinteresse für traditionelle Küche im Ramadan, wenn es mit dem Iftar um das allabendliche Fastenbrechen geht, am größten. In diesem religiös aufgeladenen Kontext gelingt es offenbar islamistischen Kanälen am ehesten Muslime zu erreichen, die sonst im Laufe des Jahres weniger Interesse an Videos zum Islam zeigen.