Die Peripherie des Extremismus auf YouTube | Die Blase

Ein Beitrag von Till Baaken und Matthias Meyer

YouTube ist weit mehr als nur eine Upload-Plattform fĂŒr Videos: YouTube ist ein soziales Netzwerk und insofern in seiner Wirk- und Funktionsweise nur schwer zu durchschauen. User*innen können auf der Plattform auf vielfĂ€ltige Arten miteinander interagieren. Neben dem Videoupload auf dem eigenen Kanal, können fremde KanĂ€le abonniert und empfohlen und Videos kommentiert und bewertet werden, um nur die Kernfunktionen zu nennen.

 

Insbesondere wenn Radikalisierungsprozesse auf einer Plattform wie YouTube untersucht werden sollen, ist es unabdingbar nachvollziehen zu können, wie sich entsprechende KanÀle und deren Inhalte in diesem Interaktionsgeflecht zueinander und zu ihrer Umgebung verhalten. Um sich dieser Problemstellung nÀhern zu können, wurde mithilfe einer Netzwerkanalyse untenstehender Netzwerkgraph entwickelt.

Methodik: Entstehung des Netzwerkgraphen

In einem Netzwerkgraphen werden einzelne Akteure durch einen Knoten (Punkte) und deren Verbindung zueinander durch Kanten (Linien) dargestellt. Je stĂ€rker die Verbindung zwischen zwei Knoten ist, desto nĂ€her liegen die Knoten beieinander. Die solchen Netzwerkgraphen zugrundeliegende Idee ist nicht neu in den Sozialwissenschaften, erfuhr aber in der jĂŒngsten Vergangenheit einen erheblichen Bedeutungszuwachs. Schließlich lassen sich mit ihrer Hilfe komplexe Strukturen in der Online-Kommunikation veranschaulichen.

 

Die PrĂ€zision solcher Netzwerkanalysen hĂ€ngt erheblich von der QualitĂ€t des verwendeten Datensatzes ab. KanĂ€le, die hĂ€ufig von denselben Zuschauer*innen geschaut werden, sollen im resultieren Graphen eine stĂ€rkere Verbindung zueinander haben, also nĂ€her beieinander liegen. Solche, die sich nur selten die gleiche Zuschauerschaft teilen, weiter auseinander. Allerdings verbietet YouTube, unter anderem aus DatenschutzgrĂŒnden, einen direkten Zugriff darauf, welcher User*innen sich welches Video angeschaut haben.

 

Worauf YouTube allerdings Zugriff gewĂ€hrt, sind Informationen darĂŒber, welche User*innen welche KanĂ€le abonniert haben. Da Abonnements manuell getĂ€tigt werden mĂŒssen und in aller Regel zumindest ein gewisses Interesse an einem Kanal widerspiegeln, sind diese ein guter Indikator, um Verbindungen zwischen der Zuschauerschaft relevanter KanĂ€le zu verdeutlichen.

 

Mithilfe verschiedener Python-Skripts wurden ĂŒber YouTubes Programmierschnittstelle (API) möglichst viele User*innen ausfindig gemacht, die zunĂ€chst ihre Abonnements öffentlich teilen und weiter einschrĂ€nkend mindestens einem der zuvor mit Hilfe von qualitativen Methoden identifizierten 25 populĂ€rsten deutschsprachigen KanĂ€len eines Clusters folgen, das wir vorlĂ€ufig mit dem Arbeitsbegriff „Peripherie des Extremismus“ bezeichnen und ĂŒber dessen KanĂ€le stellenweise islamistische bzw. salafistische oder fundamentalistische Inhalte verbreitet werden, allerdings keine expliziten Gewaltaufrufe erfolgen. Die zweite EinschrĂ€nkung war notwendig, damit der resultierende Netzwerkgraph nicht ausufernd groß wird und ein unmittelbarer Bezug zu der Peripherie bestehen bleibt. Nach entsprechenden User*innen suchten die Skripts in den Kommentaren unter den Videos der 25 KanĂ€le (Seed-Channels), denn dort ist die Chance, entsprechende Abonnent*innen zu finden am grĂ¶ĂŸten.

11589

User*innen bilden mit ihren Abonnements die Grundlage des Netzwerkgraphen

2422333

Abonnements haben sie getÀtigt

604238

verschiedene KanÀle teilen sich die Abonnements

1060

KanÀle sind im fertigen Netzwerkgraph dargestellt

So konnten 11.589 User*innen ausgemacht werden, die den beiden Kriterien entsprachen. Diese User*innen haben 604.238 verschiedene KanÀle abonniert, die unmöglich alle in einem Graphen untergebracht werden können. Der fertige Graph stellt deshalb nur die 1.060 am hÀufigsten abonnierten KanÀle dar, also nur solche mit mehr als 200 Abonnenten aus der ausgemachten Gruppe. Die Verbindung (Kante) zwischen zwei KanÀlen A und B wurde kalkuliert, indem der Anteil derjenigen Abonnenten von A, die auch B abonniert haben, mit dem Anteil der Abonnenten von B, die auch A abonniert haben, addiert wurde. Haben also alle Abonnenten von A auch B abonniert und alle Abonnenten von B auch A abonniert, erreicht die Verbindung ihren Maximalwert von 200 %, wobei alle Zwischenabstufungen bis 0 % möglich sind. Eine Software zur Graph-Erstellung renderte die Verbindungen.

Auswertung: Die KanÀle der Peripherie bilden ein abgeschottetes Cluster

Die Netzwerkanalyse zeigt, dass die 25 grĂ¶ĂŸten KanĂ€le der Peripherie (rot) ein unabhĂ€ngiges Cluster bilden – deutlich erkennbar auf der linken Seite der Karte. Dies bestĂ€tigte die Gruppenauswahl an KanĂ€len durch eine vorausgegangene Recherche. Keiner von den KanĂ€len steht deutlich abseits von den anderen. Folgt jemand einem der KanĂ€le aus dem Cluster, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er auch einem weiteren aus der Auswahl folgt.

Islamistisches Cluster (mit Pfeil markiert) abgesondert auf der linken Seite des Netzwerkgraphen
Die recherchierten KanÀle mit einem hohen Anteil an als salafistisch bzw. Islamistische einzuordnenden Inhalten bilden ein eigenstÀndiges Cluster ganz links im Netzwerkgraphen.

Die Gruppe der KanĂ€le auf der linken Seite der Karte scheint relativ geschlossen beziehungsweise anhand der Abonnements gegenĂŒber „dem restlichen YouTube“ abgrenzbar zu sein. Innerhalb des Clusters finden sich, so ergab es auch eine manuelle ÜberprĂŒfung, ausschließlich Uploader, die ebenfalls in das Schema der Peripherie des Extremismus passen. Einige von ihnen waren den Autoren schon vorher bekannt (gelb), viele aber auch nicht, wie zum Beispiel syntaxDE – Der Tod genĂŒgt als Ermahnung. Die Methode, mittels Netzwerkanalyse ausgehend von 25 KanĂ€len weitere relevante Akteure einer Peripherie des Extremismus auszumachen, zeigt sich damit als fruchtbar, gerade auch dann, wenn z.B. im Fall von syntaxDE der Kanalname in keiner Weise einen Hinweis auf relevante Inhalte gibt. In zukĂŒnftigen Projekten ließe sich dieses Vorgehen wiederholen und so das Auffinden neuer Akteure automatisieren, eine qualitative „manuelle“ Nachkontrolle vorausgesetzt.

 

AuffĂ€llig ist, dass im Großen und Ganzen die Abonnent*innen nicht erkennbar zwischen verschiedenen inhaltlichen AusprĂ€gungen oder ideologischen HintergrĂŒnden der KanĂ€le im Peripheriecluster unterscheiden, sondern stattdessen Verbindungslinien kreuz und quer zwischen den KanĂ€len des Clusters entstanden sind. Innerhalb des identifizierten Clusters einer Peripherie des Extremismus sind hinsichtlich des User*innen-Verhaltens zunĂ€chst keine Untergruppierungen erkennbar, obwohl die entsprechenden KanĂ€le nicht immer eine einheitliche Meinung vertreten.

Empfehlungen zwischen KanÀlen des Clusters untereinander

Einige der KanĂ€le bewerben sich offensiv gegenseitig, wĂ€hrend andere wie Generation Islam oder Macht‘s Klick? nicht ersichtlich in Kontakt mit anderen KanĂ€len stehen. Die obenstehende Abbildung verdeutlicht mithilfe von Pfeilen, wer wen empfiehlt und wer nicht von anderen KanĂ€len aus dem Cluster empfohlen wird. Pierre Vogel zum Beispiel verlinkt neben seinen Zweit- und Dritt-Accounts auch bestimmte andere KanĂ€le wie Föderale islamische Union und warum-christ. Dem Großteil der Zuschauer*innen werden solche Verbindungen und möglicherweise nur schwer auszumachende inhaltliche Differenzen bei der Auswahl ihrer Abonnements nicht bewusst sein.

Das Umfeld: Wen abonnieren Abonnent*innen außerhalb des Peripherieclusters?

Oben rechts in der Netzwerkkarte finden sich Musik-KanÀle

Neben dem Cluster einer Peripherie des Extremismus links im Graphen lassen sich noch weitere Gruppen identifizieren. Oben rechts finden sich beispielsweise gehĂ€uft Musiker*innen wie MERT und BUSHIDO und in der Mitte primĂ€r Infotainment-KanĂ€le wie Galileo,Made My Day und bekannte YouTuber*innen wie Julien Bam und Concrafter | Luca. Deutlich erkennbar ist, dass diese kaum so abgegrenzt stehen wie das Peripheriecluster links. Stattdessen gehen die Gruppen Musik und Infotainment fließend ineinander ĂŒber, wie ĂŒbrigens die gesamte Netzwerkkarte abseits des Spektrums des Peripherieclusters. Die extremistischeren KanĂ€le bilden also nicht nur inhaltlich eine Peripherie, sondern gemeinsam mit ihren Abonnent*innen auch den „Rand“ der deutschen YouTube-Landschaft.

Fließend geht das Musik-Cluster in Richtung Mitte der Karte in ein Infotainment-Cluster ĂŒber

Umso mehr rĂŒcken damit die KanĂ€le in den Fokus, die dennoch die BrĂŒcke zwischen dem Cluster auf der linken Seite und der restlichen YouTube-Landschaft schlagen.  Diese KanĂ€le sind vor allem Botschaft des Islam und Macht’s Klick? mit zahlreichen Verbindungen (Kanten) in beide Richtungen. Anhand der Netzwerkanalyse lĂ€sst sich die These aufstellen, dass diese beiden KanĂ€le eine entscheidende Position einnehmen, neue Zuschauer*innen fĂŒr noch extremere Inhalte zu gewinnen. Nicht nur sind die beiden zwei der erfolgreichsten YouTuber im Cluster (nach Zuschauerzahl), sie zĂ€hlen auch aufgrund ihres leicht konsumierbaren Inhalts und der reizvollen Bildsprache zu den intuitiv ansprechendsten.

Die KanĂ€le Botschaft des Islam und Macht's Klick? bilden als BrĂŒckenkanĂ€le einen Übergang zwischen dem Cluster und der restlichen YouTube-Landschaft

Geschlechtsspezifische Aufspaltung des islamistisch-peripheren Umfelds

Spannend ist das vergleichsweise alleinstehende Cluster oben in der Karte. Dieses Cluster spricht –traditionelle Rollenbilder vorausgesetzt – ein vermehrt weibliches Publikum an. TatsĂ€chlich trennt der Graph KanĂ€le von oben nach unten nach traditionell-geschlechtsrelevanten Themen. Gebildet wird das Cluster oben fast ausschließlich von weiblichen YouTuberinnen, die der Beauty-/Lifestyle-Ecke zugeordnet werden können. Auch populĂ€re KanĂ€le wie BibisBeautyPalace und Dagi Bee sind dabei. Oben rechts geht das Cluster dann in den Themenbereich Musik ĂŒber. Den Übergang bilden vor allem KĂŒnstlerinnen wie Ariana Grande, Rihanna und Namika. Je weiter man sich nach unten bewegt, desto mehr mĂ€nnliche KĂŒnstler finden sich.

Ganz oben in der Netzwerkkarte finden sich Beauty- und Lifestyle-KanÀle

WĂ€hrend die Mitte abseits des Musik-Clusters schwieriger einzuordnen ist, finden sich ganz unten im Graphen ausschließlich stereotypische „MĂ€nner-Themen“: Games, Let’s Plays, Technik und Computer (mit KanĂ€len wie PC-Welt, GameStar, Rockstar Games, Techtastisch | Experimente und Lifehacks). SelbstverstĂ€ndlich steht es allen User*innnen unabhĂ€ngig ihrer Geschlechtszuordnung zu Videos aus jeglichen Clustern zu konsumieren, dennoch ist die Aufteilung in einen traditionell weiblich konnotierten Pol oben und einen traditionell mĂ€nnlich konnotierten Pol unten auffĂ€llig. Insbesondere in dem Kontext, in dem die Netzwerkkarte anzusiedeln ist, scheint dieses RollenverstĂ€ndnis markant.

Ganz unten in der Netzwerkkarte finden sich Technik- und Let's-Plays-KanÀle

Geschlechtergerechte Ansprache der Zielgruppe scheint also von großer Bedeutung zu sein. Die Verbindungslinien zwischen dem Beauty-/Lifestyle-Cluster oben nehmen einen anderen Weg als die unteren. Oben fĂŒhren sie kurioserweise von zunĂ€chst YouTuberinnen – ohne unmittelbaren islamisch-spezifischen Inhalten, aber zumindest mit einem tĂŒrkischen oder arabischen Hintergrund – ĂŒber eine ganze Gruppe an KanĂ€len wie Kikis Kitchen, Meinerezepte, Atlas KĂŒche, AhmetKocht, Nefis Yemek Tarifleri, die das Thema arabische KĂŒche aufgreifen und zumindest teilweise muslimische Inhalte verbreiten oder vorleben und gleichzeitig zum beobachteten Cluster fĂŒhren. Dazwischen finden sich noch vereinzelte junge Muslimas wie Eurasian Muslima oder Salsabil al-Almaniya, die ihren muslimischen Lebensalltag in Vlogs beschreiben, und trotz vergleichsweise geringer Reichweite als weibliche Vorbilder fĂŒr Zuschauer*innen fungieren können.

Die Verbindung oben rechts zwischen Beauty-Cluster Richtung des Cluster von Interesse bilden KanÀle mit Kochrezepten

Dass sowohl fĂŒr junge Deutsche mit Migrationshintergrund aus dem tĂŒrkisch oder arabischen Raum das Essen und die Rezepte der Vorfahren ein Weg sind, um sich (wieder) dem Islam anzunĂ€hern, als auch fĂŒr Menschen, die konvertieren möchten, die KĂŒche muslimisch-geprĂ€gter LĂ€nder ein erster Anlaufpunkt sein kann, ist selbsterklĂ€rend. Dass aber nach ersten BerĂŒhrungspunkten mit dem Islam abgesehen von vereinzelten KanĂ€len wie Eurasian Muslima und Salsabil al-Almaniya niemand die entsprechende Zuschauergruppen abseits reichweitenstarker KanĂ€le aus der Peripherie inhaltlich abholt, zeigt einen konkreten Handlungsbedarf in der PrĂ€vention.

 

Abseits des Beauty-/Lifestyle-Clusters oben sind die Verbindungen zum Cluster der Peripherie diffuser nachzuvollziehen. Zwischen der Computer-/Let’s-Play-Gruppe unten und dem Cluster links befinden sich diverse „Wissens“-KanĂ€le, die von KenFM ĂŒber RT Deutsch bis hin zu seriösen Angeboten wie DW Deutsch, ARTE.de und Y-Kollektiv reichen. Die im kommenden Blogbeitrag folgende Empfehlungsauswertung wird zeigen, dass an dieser Stelle primĂ€r Dokumentationen und Wissensangebote zur Religion Islam, zum Leben als Muslim und zur politischen Einordnung des Islams von Interesse sind. Aber auch an dieser Stelle der Netzwerkgraphen fehlen Angebote, die am Islam interessierte Personen zielgruppenspezifisch zugeschnitten abfangen und islamistischen Angeboten, die es zuhauf gibt, eine GegenerzĂ€hlung gegenĂŒberstellen.