Die Peripherie des Extremismus auf YouTube | Aktuelle Begriffe, Akteure und Trends der Online Dawah

Ein Beitrag von Till Baaken und Matthias Meyer

Epische Geschichten, anāshīd oder der „freundliche Imam von Nebenan“ – Online-Dawah Videos sind heute so divers wie ihre Zielgruppen. Wer auf YouTube zum Thema Islam recherchiert, der wird fast ausschließlich Kanälen begegnen, die salafistische bzw. islamistische Positionen propagieren. Dabei überrascht die Polyphonie der unterschiedlichen Formate, Stile und Persönlichkeiten.

YouTube im deutschsprachigen Raum

Allein im deutschsprachigen Raum haben wir im Rahmen des Projektes ABAT Online-Salafismus bisher knapp 200 Kanäle identifiziert, deren Inhalte sich einer Peripherie des religiös begründeten Extremismus zurechnen lassen. Auch wenn im Rahmen ihrer Videos bewusst nicht zu Gewalt aufgerufen wird, so scheinen sie doch immer häufiger als Gateway zu Interpretationen des Islams anzuregen, die junge Menschen ideologisch tiefer in radikale Strömungen hineinführen und, im schlimmsten Fall, auch individuelle Gewaltbereitschaft hervorrufen können. Eine „Peripherie“ des islamisch begründeten Extremismus in diesem Sinne zu definieren (und Erkenntnisse darüber zu gewinnen), sind große Herausforderungen in der ohnehin nicht ganz unkomplizierten Dreiecksbeziehung von Religions- und Meinungsfreiheit, Radikalisierungsprävention und sozialwissenschaftlichem Forschungsinteresse.

Wir wollen uns deshalb zunächst anhand von qualitativen und quantitativen Methoden dem Phänomen annähern und Ihnen erste Ergebnisse dieses Prozesses im Rahmen dieser Blogreihe präsentieren. Zunächst blicken wir dabei nicht auf die Inhaltsebene, sondern auf die Vielfalt der verschiedenen Formate, denn mittlerweile treten sehr viele salafistische und islamistische Predigertypen und Aktivisten als YouTuber auf, die allesamt verschiedene Typen und Stilrichtungen in sich vereinen. Einen guten Überblick bieten dazu schon die unterschiedlichen Charaktere, die im Banner des Predigerportals und Spiegelchannels „Habibiflo Dawah Produktion“ gezeigt werden. [1]

Die im Rahmen dieser Blogreihe thematisierten Online-Prediger und Aktivisten, deren verbreitete Inhalte zu einem großen Teil einer Peripherie des religiös begründeten Extremismus zuzuordnen sind, offenbaren ein hohes Maß an Professionalität, Flexibilität und Kreativität im Umgang mit Menschen, die offensichtlich nach spiritueller und/oder lebensweltlicher Orientierung und Anleitung suchen. Das beinhaltet unter anderem auch eher traditionelle Mittel, wie das Singen von anāshīd oder dem Erzählen von „althergebrachten“ Geschichten, um eine emotionale Reaktion auszulösen. Es zeigt sich zudem, dass die deutschen Akteure stark in transnationale Netzwerke eingebunden sind. In diesem Zusammenhang werden auch ausländische salafistische bzw. islamistische Positionen aus Predigten, Büchern, Videos und Bildern übersetzt oder untertitelt.

Kategorien der YouTube-Kanäle

Oberflächlich lassen sich die Kanäle in drei Kategorien einteilen: Erstens sind das Kanäle, die ausdrücklich auf die Identifikation mit einer bestimmten Persönlichkeit setzen und die von deren meist „markantem“ Charakter dominiert werden. Das Spektrum der Charaktere reicht hierbei von der Erscheinung des klassischen wahhabitischen Gelehrten über Persönlichkeiten, die sich bemühen sich in ihrem Äußeren der Phantasie eines salafistischen Bekleidungsideals anzunähern. Überraschend erfolgreich und ausdrucksstark sind derzeit die „stylish“-mondän auftretenden Dozententypen mit modischem Jackett und Hemd.

 

In eine zweite Kategorie können Kanäle gefasst werden, die ausdrücklich anonym bleiben wollen und ihre Videos mit einer besonders beeindruckenden bzw. emotionalisierenden Bildsprache in Bildern und Clips ausstatten. Zu ihnen gehören auch zahlreiche Kanäle mit der quantitativ höchsten Gefolgschaft, zum Beispiel „Botschaft des Islam“, „Lorans Yusuf“, „Haqq Analytics“ und „Star Moon Islam“.

 

Als Drittes fallen die Spiegelkanäle und Predigerkanäle, wie der oben genannte „Habibiflo Media Produktion“, auf. Diese verbreiten häufig Content der erstgenannten Kategorien, nehmen hier also eine Art Sammlungs- und Wiederverwertungsfunktion ein.

Grundsätzlich ist also für jeden Geschmack, Informationsanspruch und jede Altersgruppe eine passende bzw. ansprechende Kategorie im Angebot. Insgesamt ist dabei ein Trend zur Verschleierung und Tarnung radikaler Botschaften feststellbar. Die pauschale Ablehnung der deutschen Gesellschaft und ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung sowie die Diffamierung Andersdenkender wird zum Beispiel geschickt verschleiert durch:

 

  • Unverfängliche Überschriften,
  • weniger militante Bildsprache und Inhalte,
  • subtile Argumentationen,
  • professionelle Präsentationen, Vortragsstile und Layouts und schließlich
  • einer Sensibilität für konkrete Gesetzesverstöße bzw. gegen die Regeln von YouTube.

 

Allen Kanälen ist zudem gemeinsam, dass sie eindeutige Schwarz-Weiß-Weltbilder vermitteln. Der Islam wird als die „einzig wahre“ Religion propagiert. Ritus, Moral und Ethik stehen eindeutig im Fokus der Content-Produktion. Aktuelle politische Ereignisse bzw. Diskurse werden dann eher in den Hintergrund gerückt. Gleichzeitig wird der Anspruch formuliert, die einzige korrekte Auslegung des Islam und damit auch die einzige korrekte, darauf abgestimmte Lebensführung zu predigen.

Ausblick Blogreihe ABAT

Was erwartet nun die Leser*innen dieser Blogreihe in den folgenden Monaten? Zunächst unterscheiden wir die Kanäle auf Basis der verbreiteten Inhalte nach Bild- und Textsprache in verschiedene Typologien. Wir analysieren vor allem Begriffe und Narrative sowie transnationale Einflüsse. Qualitative inhaltliche Analysen zu Bildsprache, Transkripten und Kommentaren werden ebenso eine Rolle spielen, wie parallel laufende quantitative Auswertungen der Kommentare, Netzwerke und Anzahl der Abonnements. Die verschiedenen Beiträge werden anhand von konkreten Beispielen die erstaunliche Vielfalt der Methoden und Arbeitsweisen der Peripherie des islamisch begründeten Extremismus aufzeigen. Thematisch werden wir uns auch immer wieder der (Weiter-)Entwicklung unserer eigenen methodischen Vorgehensweisen sowie forschungsethischer und rechtlicher Fragestellungen widmen.

 

Wir hoffen so, Ihnen einen ersten Einblick in eine von der Forschung bisher wenig beachtete Grauzone geben zu können. Gleichzeitig freuen wir uns auf viel Interesse, Rückmeldungen und Interaktionen! Wenn Sie Fragen oder Anregungen zu einem unserer Beiträge oder dem Projekt selbst haben, schreiben Sie uns gerne über Twitter auf @modus_zad oder per E-Mail an info@modus-zad.de.

[1] Im Projekt werden Spiegelchannel als solche definiert, die Content von anderen Kanälen hochladen, entweder um den Content für die Nachwelt zu erhalten, falls der Originalkanal gelöscht wird, oder als Informations- und Sammlungsportal für interessierte Zuschauer. Wer diese Kanäle betreibt ist oft unklar, wodurch verschiedene Motivationen hinter diesen Spiegelchanneln stehen können. Der Name kommt aus dem Englischen „data mirrowing“, grob gesprochen, also durch Datenspiegelung Sicherheitskopien zu erstellen.