Die Peripherie des Extremismus auf YouTube | explorativer Blick auf die Zuschauer*innen

Ein Beitrag von Matthias Meyer

 

VerlĂ€ssliche quantitative Untersuchungen darĂŒber, welche Nutzergruppen mit islamistischen und salafistischen Videos auf YouTube wann, wie und in welchem Umfang interagieren, gibt es bisher nicht. FĂŒr ein besseres VerstĂ€ndnis des PhĂ€nomens Islamismus, aber auch fĂŒr die Entwicklung erfolgreicher PrĂ€ventionsmaßnahmen wĂ€ren solche Untersuchungen von großem Wert. Allerdings ist der Zugang zu relevanten Daten durch YouTube vielfach erheblich eingeschrĂ€nkt. Untersuchungen sind nur mit hohem datenanalytischen Aufwand durchfĂŒhrbar. Dennoch soll im Folgenden eine AnnĂ€herung an eine Beschreibung des Publikums islamistischer und salafistischer Videos erfolgen. Dazu nutzen wir als Datenbasis ein Cluster von YouTube KanĂ€len, die wir nach einer umfangreichen Recherche als vorlĂ€ufige Peripherie des Extremismus identifiziert haben.

 

Geografische Lokalisierung des Publikums

Wenig ĂŒberraschend ist, dass sich die meisten Zuschauer*innen deutschsprachiger islamistischer Videos auch im deutschsprachigen Raum aufhalten. Manche YouTube-Accounts geben öffentlich das Land ihres Wohnortes an. Von 105.874 Nutzer*innen, die mindestens einmal ein Video dieser Kategorie kommentiert haben, sind dies allerdings nur 4291. Dementsprechend klein ist die Stichprobe (4,05%). Auch wenn die Auswahl nur bedingt als reprĂ€sentativ gesehen werden kann, gibt sie einen guten Eindruck darĂŒber ab, dass mit den Videos allen voran Menschen in Deutschland erreicht werden – und in Abstufungen auch in Österreich und der Schweiz.

Verteilung von Abonnent*innen der KanÀle in Europa

Weltweit finden sich auch Nutzergruppen in den USA, TĂŒrkei und Saudi-Arabien (in absteigender Reihenfolge).

Verteilung von Abonnent*innen der KanÀle weltweit

DarĂŒber, wie sich die Zuschauer*innen in Deutschland verteilen, gibt Googles Trend-Tool Aufschluss. Schaut man sich das Suchinteresse auf YouTube fĂŒr relevante KanĂ€le wie „pierre vogel“ an, wird deutlich, dass die Suchanfragen dort am hĂ€ufigsten sind, wo sich auch die grĂ¶ĂŸten muslimischen Gemeinschaften in Deutschland befinden: in den westdeutschen BundeslĂ€ndern sowie Berlin. Allen voran Nordrhein-Westfalen, Hessen und die Stadtstaaten Bremen und Hamburg verzeichnen das grĂ¶ĂŸte Suchinteresse.

In den vorherigen BlogbeitrĂ€gen wurde die Überlegung angestellt, dass geschlechterspezifische Ansprache fĂŒr die Zielgruppe islamistischer und salafistischer Videos von Bedeutung ist. Dazu gehörte, dass sich in der Netzwerkanalyse hĂ€ufig bei gemeinsam abonnierten KanĂ€len zwei deutlich voneinander getrennte Gruppen herausbildeten: Zum einen KanĂ€le, die nach traditionellem RollenverstĂ€ndnis stereotypisch weibliche Inhalte prĂ€sentieren. Man findet sie oben in der Netzwerkkarte (mit populĂ€ren Beauty- und Lifestyle-KanĂ€len wie BibisBeautyPalace). Zum anderen stereotypisch mit MĂ€nnern assoziierte Inhalte mit „Let’s-Play“-KanĂ€len, KanĂ€len aus dem Bereich Motorsport und Ă€hnliche. Interessant ist, dass in ersterem Fall muslimische YouTuberinnen wie Eurasian Muslima oder Salsabil al-Almaniya als Bindeglied zwischen dem Beauty- und Lifestlye-Cluster und dem Peripheriecluster fungierten, wohingegen im zweiten Fall, in dem mĂ€nnliche Themen dominieren, Wissens- und DokumentationskanĂ€le den Weg in das Peripheriecluster sĂ€umten.

 

Hier stellt sich die Frage, ob die gesehene Aufspaltung in stereotypisch weibliche Inhalte und mĂ€nnliche Inhalte nur assoziiert ist oder ob sich diese Aufspaltung auch in unterschiedlichen Zuschauergruppen, einmal tendenziell eher weiblich und einmal eher mĂ€nnlich, widerspiegelt. YouTube stellt keine öffentlichen Informationen ĂŒber das Geschlecht zur VerfĂŒgung, auch wenn Google diese Information erhebt, um „[r]elevantere und fĂŒr Sie interessante Inhalte zur VerfĂŒgung zu stellen“ (abgerufen: 24.06.2019). Untersucht man jedoch statistisch die Namen derer, die entsprechende KanĂ€le abonniert haben, lĂ€sst sich dennoch zumindest ein Eindruck gewinnen. Dazu wurden die Kanaltitel mit einer Liste von ĂŒber 220.000 in Deutschland gebrĂ€uchlichen Vornamen abgeglichen. Da die entsprechende Liste auch Informationen darĂŒber bereithĂ€lt, ob ein Name wie „Sara“ im Schnitt von mehrheitlich weiblichen Personen, ob ein Name wie „Tobias“ von eher mĂ€nnlichen Personen getragen wird oder ob anhand des Namens keine qualifizierte Aussage möglich ist.

Geschlechterverteilung bei den Abonnent*innen von KanÀlen des Peripherieclusters

Hier zeigt sich, dass die Abonnent*innen von KanÀlen des Peripherieclusters in der Mehrzahl mÀnnlich sind. In der vorliegenden Stichprobe sind es 70,91 %. Wie zuvor schon vermutet, sieht es bei den Gateway-KanÀlen ohne direkten Clusterbezug wie Eurasian Muslima und Salsabil al-Almaniya anders aus: Hier sind die mit MÀnnern assoziierten Vornamen mit 32,54 % und 42,72 % in der Unterzahl.

Geschlechterverteilung bei den Abonnent*innen von Eurasian Muslima

Zuvor fiel auf, dass YouTubes Empfehlungsalgorithmus (siehe vorhergehenden Blogbeitrag), wenn er islamistische Videos unter Videos der nicht-extremistischen KanĂ€le (außerhalb des Peripherieclusters) Eurasian Muslima und Salsabil al-Almaniya empfiehlt, diese speziell fĂŒr Frauen relevante Inhalte – zum Beispiel zum Tragen des Kopftuches oder zum „richtigen“ Verhalten EhemĂ€nnern gegenĂŒber anbietet. TatsĂ€chlich ist der Anteil der weiblichen Vornamen in den Kommentaren unter diesen Videos nachweisbar mit bis zu 55 % statt sonst ĂŒblichen 30 % signifikant erhöht.

 

Genderspezifische Ansprache durch KanĂ€le aus dem Cluster der Peripherie des Extremismus scheint also zu einem gewissen Grad zu funktionieren, um auch eine weibliche Zielgruppe zu erreichen, auch wenn die Zuschauer*innen im Großen und Ganzen mehrheitlich mĂ€nnlich sind. In der peripheren Blase sind mĂ€nnliche Vornamen, wie auch unter Wissens- und Dokuvideos, in denen es um das Themenfeld Islam geht, in der deutlichen Mehrheit wie auch schon in der Netzwerkanalyse prognostiziert.

 

Zeitliche Dimension

WĂ€hrend die erkannte Aufspaltung in genderspezifische Unterschiede komplexe Herausforderungen an zielgruppengerechte PrĂ€ventionsmaßnahmen auf YouTube stellt, gibt es auch vergleichsweise einfache Metriken, auf die es bei der Platzierung von Counter oder Alternativnarrativen zu achten lohnt. Dazu zĂ€hlt die Platzierung von Kampagnen zu Uhrzeiten, zu denen auch die angedachte Zielgruppe online ist. Der obenstehende Graph zeigt den prozentualen Anteil an AktivitĂ€ten aus dem Kreis der Abonnent*innen von den KanĂ€len der Peripherie aufgeschlĂŒsselt nach Uhrzeit. Als AktivitĂ€t gilt dabei das Verfassen eines Kommentars oder der Abschluss eines Abonnements. Am höchsten ist die AktivitĂ€t in den Abendstunden – vor allem zwischen 18 und 20 Uhr. Dies scheint sich auch bei KanĂ€len wie Eurasian Muslima (außerhalb der Peripherie), bei Annahme einer Ă€hnlichen Zielgruppe (jung, muslimisch, interessiert am Islamischen Leben in Deutschland) zu bestĂ€tigen.

Prozentualer Anteil an AktivitĂ€ten aus dem Kreis der Abonnent*innen aufgeschlĂŒsselt nach Uhrzeit

Gerade reichweitenstarke und social-media-strategisch gut aufgestellte KanĂ€le wie Macht‘s Klick? und Botschaft des Islam, die innerhalb des Periphericlusters zu finden sind, wissen das zu nutzen. Die meisten ihrer Videos wurden um 18 Uhr, also zur Prime Time der Zielgruppe, hochgeladen.

Anzahl der hochgeladenen Videos der KanÀle Botschaft des Islam und Machts Klick? nach Uhrzeit

Emojis und der Radikalisierungsgrad

Die hÀufigsten Emojis in den Kommentaren zu Videos des Kanals Eurasian Muslima

Die HĂ€ufigkeit von Emojis in den Kommentaren korreliert mit dem Grad der Radikalisierung. Unter den Videos des nicht-extremistischen Kanals Eurasian Muslima zum Beispiel sind 4,08 % der Wörter Emojis (Emojis wurden als eigenstĂ€ndiges Wort gezĂ€hlt). Bei den EinstiegskanĂ€len Macht‘s Klick? und Botschaft des Islam, die vielfach auch von Nutzer*innen geschaut werden, die sonst nur selten auf KanĂ€len innerhalb des Peripherieclusters unterwegs sind, liegt die Rate an Emojis bei 2,77 % und 1,81 %. Bei den deutlich schwieriger zu konsumierenden Videos des Salafisten Pierre Vogel sind lediglich 1,12 % der Wörter Emojis.

Die hĂ€ufigsten Emojis in den Kommentaren zu Videos des Kanals Macht’s Klick?

Auch bei der Art der Smileys zeigen sich AuffĂ€lligkeiten. Die Vloggerin Eurasian Muslima zieht nicht nur mehr Emojis, sondern auch deutlich positiv konnotierte an. Im Vergleich dazu scheint es so als wĂŒrden es gerade Macht‘s Klick? und Botschaft des Islam schaffen, ihre Zuschauer*innen emotional vielschichtiger abzuholen. Neben zustimmenden, lachenden und religiös konnotierten Emojis finden sich hier unter den 25 hĂ€ufigsten Emojis auch traurig-weinende und sogar „verbitterte“ Emojis. Die Emotionalisierung von religiösen Themen, die die Aufmachung und die vorgetragenen Texte der KanĂ€le prĂ€gt, spiegelt sich also auch in den Kommentaren wider. Die volle Bandbreite der von den Nutzer*innen geĂ€ußerten emotionalen Reaktionen auf die Videos kann fĂŒr weiterfĂŒhrende Forschung (bspw. eine „sentiment analysis“) aufschlussreich sein, eventuell sogar zur Filterung von islamistischen Inhalten beitragen. Gibt es beispielsweise bestimmte Emojis oder Kombinationen von Emojis, die nur unter bestimmten Videos zu finden sind? Kann man mithilfe dieser Emojis PrĂ€ventionsinhalte erstellen, indem man zum Beispiel versucht Ă€hnliche Emotionen hervorzurufen?

 

Alter

Altersangaben in Kommentaren, nachdem Botschaft des Islam seine Zuschauer*innen dazu aufgerufen hatte, sich selbst vorzustellen

In einem Video anlĂ€sslich des Erreichens von 100.000 Abonnements rief Botschaft des Islam seine Zuschauer*innen dazu auf, ihre Geschichte zu erzĂ€hlen. 158 folgten diesem Aufruf, 139 davon gaben ihr Alter an. Fast 80 % der Personen gaben an, 18 oder jĂŒnger zu sein. Der Median liegt bei 16. Diese Erkenntnis ist methodenbedingt mit Vorsicht zu genießen, da es sich um eine zu kleine Stichprobe handelt, welche durch unterschiedliche Faktoren (Bewusstsein fĂŒr Datenschutz, Besitzen eines Accounts, SchreibaffinitĂ€t etc.) beeinflusst wird. Trotzdem ist dies als eine als interessante Tendenz zu interpretieren und könnte dazu beitragen, Gegennarrative fĂŒr diese Zielgruppe zu entwickeln, da sich die BedĂŒrfnisse dieser erahnen lassen.

ZurĂŒck Vor

Zuschauer*innen stellen sich unter einem Video von Botschaft des Islam selbst vor

Was die Zielgruppe interessiert

ZurĂŒck Vor

Nutzerfragen unter islamistischen Videos

Die zurzeit populĂ€rsten KanĂ€le des Periphericlusters gehen in ihren Videos immer wieder auf Fragen der Nutzer*innen ein. Dementsprechend aufschlussreich ist es, sich die unter Videos gestellten Fragen einmal genauer anzuschauen. Die unten dargestellte Datenbank umfasst 6270 Kommentare, die dem Sprachmuster einer direkt an den Kanal gerichteten Frage entsprach. Bestimmte Fragen zu Zins, Geld, Gebet, Hochzeit, Ramadan und Kopftuch wurden immer wieder gestellt. Auch nach den Namen der anāshÄ«d im Hintergrund wird hĂ€ufig gefragt. Insbesondere die vielen Fragen zu religiösen EinschĂ€tzungen bieten ein reichhaltiges Themenrepertoire dafĂŒr, Alternativnarrative abseits und innerhalb der islamistischen Blase zu platzieren.

Über den Autor

Matthias Meyer ist Associate Fellow bei modus|zad und Initiator von Cluster, einem transparenten Nachrichtenaggregator. Matthias ist Geschichtswissenschaftler (B.A.) und Masterstudent der Informatik in Chemnitz. Er twittert unter @Matth_Meyer.